Déjà-vu – die Welt im Wohnzimmer

Reisevideos als Erinnerungsinstrumente

Stephan Grundei

Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Die letzten Besorgungen erledigt. Eine Sache darf da auf keinen Fall fehlen – die Kamera zu Dokumentationszwecken!

Unabhängig von der Art des Reisens war das Festhalten von Reiseeindrücken durch Bewegtbilder seit der Erfindung der Filmtechnologie ein beliebtes Mittel, das Erlebte zu dokumentieren. Veränderte technische Möglichkeiten veränderten auch die Art und Weise der Dokumentation. Dies betraf auch die Möglichkeiten, die durch die Einführung und Verbreitung der Videotechnologie ab den 1980er Jahren entstanden. 
Im Rahmen des Archivierungs- und Forschungsprojektes „Wiener Video Rekorder“ konnten auch zahlreiche Reisevideos in die Sammlung aufgenommen werden.

In diesem Beitrag soll beispielhaft auf diesen Bestand eingegangen werden und gemeinsam mit den Urheber/innen der gesammelten Videos auf deren Motive und Hintergründe bei der Erstellung von Reisevideos eingegangen werden.

Hintergründe – Gewandelte technische Voraussetzungen

Seit es die Technik des Bewegtbildes gibt, liegt es nahe, auf einer Reise zu filmen und damit zu versuchen, das Erlebte festzuhalten. Das Wesen dieser Dokumentation veränderte sich durch technische Neuerungen und die Vereinfachung der Kamerahandhabung rasch. Während die in der Frühzeit verwendeten Standkameras die Einsatzmöglichkeiten des Films einschränkten, konnten diese in der Folge durch tragbare Aufnahmegeräte dramatisch ausgeweitet werden. Im Zuge der weiteren technischen Entwicklung wurde das Medium Film immer kostengünstiger. Die Anzahl der Aufnahmen stieg durch die Einführung der Super‑8-Kamera.
Eine weitere Zäsur stellte die Einführung der Videotechnologie dar. Den Filmschaffenden boten sich nun vollkommen neue Möglichkeiten. Die Videokassette und ihre lange Aufnahmedauer ermöglichten es, längere Bildsequenzen und überhaupt mehr aufzunehmen. Außerdem konnten nun einzelne Szenen mehrfach aufgezeichnet und die beste Aufnahme ausgewählt werden, was bis dahin nur bei professionellen Produktionen üblich war. Eine weitere Neuerung bestand darin, den Ton gleichzeitig mit dem Bild mit demselben Gerät aufzunehmen.

Die Kamera hielt Einzug in den unmittelbaren Lebensbereich der Menschen. War es bisher materiell gutgestellten Schichten vorbehalten, das Erlebte für die Nachwelt festzuhalten und die Erlebnisse dadurch „unsterblich“ zu machen, war es nun auch weniger begüterten Familien möglich, die eigene Familiengeschichte in Bild und Ton festzuhalten. Man kann daher wohl von einer Demokratisierung der Alltagsdokumentation sprechen.

Die technische Entwicklung des Filmens geht auch heute rasant weiter und ist Teil der allgemeinen Digitalisierung. Jede/r Inhaber/in eines Mobile Devices besitzt damit ein integriertes Aufnahmegerät. Die Möglichkeit, das Geschehende jederzeit in Sekundenschnelle zu dokumentieren, ist in einem Ausmaß gegeben, wie es zuvor nicht vorstellbar war.
Das Übermaß an Möglichkeiten birgt freilich auch Gefahren. Inflationäres Aufnehmen reduziert die Bedeutung der Einzelaufnahme. Auf Archivierung wird in der Regel wenig Wert gelegt, weil stets neue Aufnahmen die älteren in den Hintergrund rücken und weil der Speicherplatz beschränkt ist. Ähnliche Tendenzen waren bereits bei der Einführung der Videokassette zu beobachten, als – im Gegensatz zum Film – von Nachbearbeitungen zunehmend Abstand genommen wurde.

Doch was wurde im Lauf dieser Entwicklung eigentlich für wert befunden, aufgenommen zu werden? Weniger die Abläufe des Alltags und die gewohnte Umgebung wurden festgehalten, sondern sehr viel eher besondere Umstände und besondere Zeiten. Typisch dafür sind zum Beispiel die zahlreichen Aufnahmen des Weihnachtsfestes, die einander freilich auf Grund der stark standardisierten Festrituale oftmals sehr ähneln.
Der Arbeitsalltag, der Weg in die Arbeit oder die Routine des Einkaufens wurden so gut wie nie festgehalten. Dieser Drang, nicht das Alltägliche, sondern das Besondere festzuhalten, spiegelt sich auch ganz besonders in der Gattung der Reisedokumentationen wider – und in den einschlägigen Videos des Projektes.

Herangehensweisen – Reisevideos im Bestand des Projektes „Wiener Video Rekorder“

Die im Rahmen des Projektes in die Sammlung der Österreichischen Mediathek aufgenommenen Reisevideos sollten folgende Grundkriterien erfüllen:

  • Die Aufnahmen sollen die Bevölkerung von Wien in ihrem Leben widerspiegeln,
  • der Produktion der Videos durfte keinerlei kommerzieller Nutzen zu Grunde liegen und
  • gesammelt wurde ausschließlich das Format Video – es wurden keine Filme, Fotos oder reine Audioaufnahmen in den Bestand übernommen.

Ein Blick auf die gesammelten Bestände wirft eine Vielzahl von spezifischen Fragen auf, die im konkreten Fall an die Urheber/innen dieser Aufnahmen gestellt werden können:

Worin liegt die Motivation, ein Reisevideo anzufertigen? Wer war die Zielgruppe für solche Videos? Wie oft wurden die Videos abgespielt? Dienten die Aufnahmen dazu, eine unwiederbringliche Stimmung während einer Reise einzufangen oder spiegeln die Aufnahmen primär das Faktische einer Urlaubsreise wider?

Diese Fragen werden im Folgenden an Hand dreier Bestände behandelt, die einander in ihrem Umfang und strukturell ähneln. Die Übergeber/innen waren zugleich auch Urheber/innen der Aufnahmen und standen für Interviews im Rahmen des Projektes zur Verfügung. Alle drei hatten bereits vor der Einführung der Videotechnologie mit Film gearbeitet und gehören – 1935 und 1944 geboren – einer Generation an.

Die Onlinepublikation des Artikels ermöglicht es, direkt aus den Primärquellen zu zitieren und die Kommentare den Interviews direkt zuzuordnen. Dies ist methodisch neu und zeigt, wie AV-Quellen im wissenschaftlichen Kontext verwendet werden können. Diese vergleichende Studie bezieht sich methodisch auf die Comparative Studies und will Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Herangehensweise der Filmschaffenden herausfiltern. Dafür wurden Leitfadeninterviews geführt, die es den Urheber/innen ermöglichten, frei zu antworten.

Reise­doku­men­ta­tionen Margareta Veit

Frau Veit – eine Kamerafrau erobert die Welt

Die Sammlung der Filmerin Margareta Veit ist auch über ihre Reisedokumentationen hinaus ein interessantes Forschungsobjekt, weil sie ihre Lebensstationen detailliert festgehalten hat. Schon in jungen Jahren begann sie zu filmen, weil sie mit den Möglichkeiten, mittels Fotografie Erlebtes festzuhalten, nicht zufrieden war. Sie hatte das Gefühl, dass Fotos dem aufgenommenen Anlass nicht gerecht wurden (vgl. Audiozitat 1). 
In weiterer Folge lernte sie die Möglichkeiten des Films an Hand der Kameras der Firma Eumig kennen (vgl. Audiozitat 2). Ihre ersten Filme zeigten Geburtstage und Hochzeiten, wobei die Akteure bei diesen Festen vom Aufgenommen-Werden zunächst gar nicht angetan waren, danach allerdings die fertigen Filme sehr wohl zu goutieren wussten (vgl. Audiozitat 3). Charakteristischerweise wurde – im Gegensatz zu solchen besonderen Anlässen – der Alltag im Haushalt von Frau Veit nicht festgehalten (vgl. Audiozitat 4).

Die Reisevideos entstanden, weil der Filmerin daran gelegen war, das Erlebte auch anderen Personen zu zeigen, denn die zu Hause gebliebenen Familienmitglieder wollten an den Reiseerlebnissen partizipieren (vgl. Audiozitat 5). Die Präsentation der Filme glich einem Familienfest und unterlag den vorbestimmten Ritualen eines Filmabends (vgl. Audiozitat 6). Die Destinationen der Reisen änderten sich im Laufe der Zeit. Waren es in den frühen Jahren Reisen nach Südtirol oder Salzburg, wurden im Laufe der Jahre immer weiter entfernte Teile der Welt bereist (vgl. Audiozitat 7, Videobeispiel 1). Der Filmerin war es dabei wichtig, das Interesse an Neuem zu befriedigen, den Alltag zurückzulassen und das Besondere zu erleben (vgl. Audiozitat 8) – eine Art von Reise-Ausnahmezustand, der den Erfahrungshorizont stark erweitern sollte.

Dieses besondere Interesse an Neuem drückte sich auch dadurch aus, dass es der Filmerin sehr darum ging, die ersten Erlebnisse unmittelbar nach der Ankunft festzuhalten. (Videobeispiel 2). Die Eindrücke sollten frisch sein und nicht durch „Reiseroutine“ und „Reisealltag“ verfälscht werden (vgl. Audiozitat 9). Vor Beginn der Reise bzw. gleichzeitig mit dem Beginn der Reise wurden einschlägige Reisebücher und Informationsbroschüren abgefilmt. (vgl. Audiozitat 10). Bereits zu Beginn der Reise und ihrer Video-Dokumentierung wurde die spätere Rezeption der fertigen Reisevideos mitgedacht (Videobeispiel 3).

Die Filmerin war sich ihrer Rolle als Regisseurin stets bewusst. Bestimmte Bewegungen und Hinweise dienten als Stilmittel, um das Agieren von Bekannten in bestimmten Situationen zu verdeutlichen und hervorzuheben, ebenso wie das Abfilmen von Straßenschildern oder Sehenswürdigkeiten dazu eingesetzt wurde, den Standort leichter erkennbar zu machen (vgl. Audiozitat 11, Videobeispiel 4). Die Regisseurin war also sehr bemüht, es den Zuschauern leicht zu machen, das Geschehen zu verfolgen. Der Umgang mit dem Ton blieb unbefriedigend, wobei auch mangelnde technische Voraussetzungen eine Rolle spielten. Ein akustisches Stilmittel war dabei die Aufnahme der Ausführungen der Reiseleiter, die zur Kommentierung des Geschehens eingesetzt wurden. (vgl. Audiozitat 12).

Es ging der Filmerin besonders darum, mit der Kamera spontan Eindrücke festzuhalten. Daher wurde aus der Hand gefilmt und kein Stativ verwendet (Videobeispiel 5). Während der Reisen wurde auf die Schutzklappe für die Kameralinse verzichtet und das Objektiv lediglich mit einem weiteren Glas bzw. leichten Filter geschützt (vgl. Audiozitat 13).

Frau Veit selbst ist nur indirekt im Bild zu sehen. Da sie die Kamera nicht anderen anvertrauen konnte oder wollte, benützte sie zur Selbstdarstellung den Kunstgriff, sich als Reflexion in spiegelnden Flächen abzubilden (vgl. Audiozitat 14).

Die Bearbeitung des Materials wurde bereits während der Reise in der Kamera vorgenommen. Schlechte Aufnahmen wurden sofort gelöscht und durch eine zweite Aufnahme derselben Szene ersetzt. So wurde gewährleistet, dass ein Video bereits zum Zeitpunkt der Rückkehr von der Reise vorführbereit und eine weitere Nachbearbeitung nicht nötig war (vgl. Audiozitat 15). Auf nachträgliches Einbauen von Schriftinserts (vgl. Audiozitat 16) oder weitere Vertonung wurde verzichtet (Videobeispiel 6).

Die Videos wurden für die Reiseteilnehmer, engste Freunde und die Familie hergestellt (Videobeispiel 7). Die Vorführung wurde als eine – private – Veranstaltung inszeniert (vgl. Audiozitat 17).

Da durch die intensive Filmtätigkeit rasch zahlreiche Videos vorlagen, war bald klar, dass ein Ordnungssystem – laufende Nummer – zur Erfassung des Bestandes nötig war. (vgl. Audiozitat 18).

Die Urheberin verfolgte die technischen Entwicklungen und versuchte, am neuesten Stand der Technik zu bleiben. Der Umstieg von Film auf Video, sowie von Video auf die aktuelle Digitaltechnik war mit Umstellungen und Anpassungsphasen verbunden. Sie nutzte zwar nicht alle technischen Möglichkeiten der jeweils neuen Technologie aus, dennoch stellte sich die Filmerin auf das neue Medium und deren Möglichkeiten um. Bei den ersten Versuchen mit der neuen Video-Technologie gerieten manche Passagen zu langsam und langatmig, da sie die gewohnten manuell-technischen Tricks der Filmtechnologie (Schnellgang etc.) nicht mehr zur Verfügung hatte (vgl. Audiozitat 19).

00:03:09 [00:00:58 bis 00:01:28]
Audiozitat 1

Beginn der Filmtätigkeit

00:03:09 [00:01:34 bis 00:01:51]
Audiozitat 2

Erste Filmkamera von Eumig 

00:03:09 [00:02:18 bis 00:03:06]
Audiozitat 3

Reaktionen, Hochzeitsfilme 

00:12:47 [00:05:10 bis 00:05:40]
Audiozitat 4

keine Alltagsaufnahmen

00:10:52 [00:00:17 bis 00:00:44]
Audiozitat 5

Motivation für Reiseberichte

00:10:52 [00:00:45 bis 00:01:05]
Audiozitat 6

Filmabende

00:10:52 [00:02:24 bis 00:02:48]
Audiozitat 7

frühe Reisen

00:10:52 [00:03:06 bis 00:03:25]
Audiozitat 8

Interesse an Neuem

00:10:52 [00:05:27 bis 00:05:55]
Audiozitat 9

erste Eindrücke aufnehmen

00:10:52 [00:05:27 bis 00:05:55]
Audiozitat 9

erste Eindrücke aufnehmen

00:10:52 [00:04:30 bis 00:04:46]
Audiozitat 10

Vorbereitungen

00:10:52 [00:06:18 bis 00:06:55]
Audiozitat 11

Inszenierungen

00:10:52 [00:04:47 bis 00:05:15]
Audiozitat 12

Kommentare

00:12:47 [00:06:16 bis 00:07:09]
Audiozitat 13

Schutz der Kamera

00:10:52 [00:07:40 bis 00:08:49]
Audiozitat 14

andere Filmende, Selbstaufnahmen

00:12:47 [00:01:56 bis 00:02:27]
Audiozitat 15

keine Nachbearbeitungen nötig

00:12:47 [00:02:39 bis 00:03:03]
Audiozitat 16

Inserts und Einblendungen

00:12:47 [00:00:12 bis 00:00:21]
Audiozitat 17

Vorführung

00:12:47 [00:04:40 bis 00:05:01]
Audiozitat 18

Ordnungssysteme

00:12:47 [00:09:35 bis 00:10:29]
Audiozitat 19

Umstellungen durch Videotechnologie

Herr Ramsauer – ungefilterte Erfahrungen eines Reisenden

Die Reisedokumentationen des Wiener Architekten Gerfried Ramsauer weisen große Unterschiede aber auch Parallelitäten zu den oben besprochenen Videos aus. Ein Unterschied liegt darin, dass es sich hier um Individualreisen handelte, die aus beruflichen Gründen unternommen wurden.
Zu Beginn und/oder am Ende dieser Geschäftsreisen nahm er sich Zeit, um die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Umgebung zu besichtigen, wobei er nie die Brille des Architekten ablegte (Videobeispiel 8). Er betrachtete sich nicht als Tourist, nicht als Besucher, sondern sah sich als unbeobachteter Teil in einer fremden Gesellschaft (vgl. Audiozitat 20).

Ähnlich wie beim zuvor besprochenen Bestand sollten auch hier Reisen etwas Neues offenbaren (vgl. Audiozitat 21). Auch hier war das Kennenlernen des Fremden zentrales Motiv, auch wenn dies von ganz anderen Absichten getragen war. So sollten die Aufnahmen ausschließlich der persönlichen Dokumentation des Erlebten dienen, nicht einer Vorführung im breiteren Kreis (vgl. Audiozitat 22). Sie weisen keinen erläuternden Charakter auf, sondern spiegelten die direkten Eindrücke ungefiltert wider.

Die Videos weisen eine starke Spontanität auf und folgen keinem geplanten Skript. Es wurde ad hoc entschieden, was dokumentarisch interessant erschien. (vgl. Audiozitat 23). Die Videos sind thematisch heterogen und in der Auswahl des Abgebildeten uneinheitlich (vgl. Audiozitat 24). 
Allen eigen ist freilich der Ort des Geschehens – der öffentliche Raum, in dem auch keine Mitreisenden zu sehen waren, weil die Geschäftsreisen allein unternommen wurden (Videobeispiel 9). 
Auch Herr Ramsauer – als Aufnehmender – trat wie Frau Veit nur in den seltensten Fällen in Erscheinung. An den verschiedenen Reisedestinationen wurden Personen in ihrem autonomen Agieren aufgenommen (Videobeispiel 10). 
Oft wurde aus Verkehrsmitteln gefilmt – es gibt Aufnahmen aus dem Flugzeug bzw. von Flughäfen (Videobeispiel 11) und aus dem Hubschrauber (Videobeispiel 12). Bemerkenswert ist auch die Dokumentation langer Autofahrten. Diese Phantom Rides zeigen sowohl den urbanen Bereich (Videobeispiel 13) als auch die Fahrt auf Überlandstraßen. Als musikalische Untermalung diente dabei ein willkürlich gewählter Sender des Autoradios. Es fehlt jeder Kommentar. 
Nur in äußerst seltenen Fällen ist die Stimme des Aufnehmenden zu hören oder ein Gespräch festgehalten, an dem dieser beteiligt war. Die Tonaufnahmen liefen synchron zur Bildaufzeichnung und stellen einen unverfälschten Soundtrack dar. So fungiert hier die Kamera als Verlängerung des Auges und des Ohres des Urhebers. Diese Unmittelbarkeit der Aufnahme ist bei den zahlreichen Gängen durch Märkte oder andere Orte, an denen sich viele Menschen bewegen, besonders deutlich (Videobeispiel 14).

Für die Produktion der Videos wurde kein zusätzliches Equipment verwendet. Bei den zuvor erwähnten gefilmten Autofahrten wurde die Kamera im Auto fixiert. Alle anderen Videos wurden aus der Hand gefilmt. Der Selbstdarstellung wurde – wie erwähnt – keinerlei Rolle zugewiesen. Außer durch zufällige Spiegelungen ist der Urheber nie zu erkennen. Er agiert dementsprechend im Video als stummer, allmächtiger Führer.

Der Rezeption der Videos durch Dritte wurde keinerlei Bedeutung zugemessen. Der einzige vorgesehene Betrachter der Videos war der Urheber selbst. Die Videos wurden daher auch nicht nachbearbeitet.

Der Wandel der Aufnahmetechnik ist auch bei diesem Bestand zu erkennen. Die ersten Bewegtbildaufnahmen tätigte der Urheber mit einer Super‑8-Kamera, stieg dann um auf Video, was nicht zuletzt dafür sorgte, dass die aufgenommenen Sequenzen wegen der nun geringeren Kosten länger wurden (vgl. Audiozitat 25).
Die Videodokumentation wurde auch durch Fotos ergänzt. Die Aufbewahrung der Videos erfolgte ohne zusätzliche Dokumentation und die Videos wurden auf ihren ursprünglichen Trägern belassen.

00:11:41 [00:02:08 bis 00:02:30]
Audiozitat 20

Kein Tourist

00:11:41 [00:02:42 bis 00:02:55]
Audiozitat 21

etwas Neues

00:11:41 [00:00:45 bis 00:01:07]
Audiozitat 22

Persönliche Dokumentationen

00:11:41 [00:03:46 bis 00:04:01]
Audiozitat 23

dokumentarisches Interesse

00:11:41 [00:04:15 bis 00:04:42]
Audiozitat 24

situationsabhängige Aufnahmen

00:11:41 [00:09:18 bis 00:09:31]
Audiozitat 25

Übergang von Super 8 zu Video

Herr Böhm – wiederkehrende Erinnerungen kreieren

Der Schwerpunkt der dritten Kollektion liegt nur zum Teil auf der Dokumentation von Reisen. Die Videosammlung Tristan Böhm beschäftigt sich zu einem großen Teil auch mit dem Heranwachsen seiner Kinder und Enkelkinder (vgl. Audiozitat 26). 
Bei den festgehaltenen Reisen handelte es sich um Urlaubsreisen. Die Destinationen wurden ausgewählt, um möglichst fremde Kulturen kennenzulernen (vgl. Audiozitat 27, Videobeispiel 15). Generell war das Ziel, möglichst lebendige Szenen aufzunehmen, die Einblick in die Kultur des Landes geben sollten (vgl. Audiozitat 28, Videobeispiel 16). Die Videos waren als lebendige Erinnerungsstütze konzipiert. 
Kopien der Kassetten wurden bei Interesse an Urlaubsbekanntschaften weitergegeben. Man ging daher davon aus, dass die Videos vermehrt und von einer größeren Gruppe von Menschen angesehen werden würden. Auf Grund der Technikaffinität des Urhebers bestand der Ehrgeiz, „gute“, technisch hochwertige Filmaufnahmen herzustellen (vgl. Audiozitat 29).

Die technische und gestalterische Intention war es, Reisevideos zu produzieren, die keine unnötigen „Längen“, Wiederholungen oder technischen Fehler aufweisen sollten (vgl. Audiozitat 30). Dazu wurde eine sorgfältige Szenenauswahl getroffen (Videobeispiel 17). Drehort und Gegenstand der Szene sollten klar ersichtlich und selbsterklärend sein (vgl. Audiozitat 31).

Die Intention des Urhebers war, mit der Kamera möglichst unauffällig im Hintergrund zu bleiben, um so die Situation möglichst wenig zu beeinflussen (Videobeispiel 18). Die Umwelt sollte so natürlich wie möglich aufgenommen und das Agieren von Personen nicht inszeniert werden (vgl. Audiozitat 32). Daher fehlt auch jegliche Kommentierung während der Aufnahme. (vgl. Audiozitat 33). Wenn später Kommentare hinzugefügt wurden, waren sie deskriptiver Natur und nicht wertend. Sie dienten dann als Erklärung für das zu Sehende (Videobeispiel 19).

Wie in den zuvor besprochenen Beständen verzichtete auch der Videofilmer Böhm auf die Darstellung seiner selbst in den Videos (Videobeispiel 20), denn diese sollten nur als persönliche Erinnerungsstütze dienen (vgl. Audiozitat 34). Außerdem hatte der Urheber kein Vertrauen in das filmische Können seiner Umgebung und gab deswegen die Kamera nicht aus der Hand (vgl. Audiozitat 35). 
Die Ehefrau des Urhebers, seine ständige Reisebegleitung, stellte die einzige Ausnahme dar. In seltenen Fällen wurde sie zur Erklärung der Situation bzw. zur Veranschaulichung in Szene gesetzt (Videobeispiel 21) oder wurde mit der Handhabung der Kamera betraut, wenn Herr Böhm selbst vor der Kamera agierte und zum Beispiel Klavier spielte.

Der Anspruch der Professionalität machte eine Nachbearbeitung unumgänglich. So wurden Fehler in der Szenenführung oder unabsichtlich vorbeigehende Passanten aus den Videos geschnitten (vgl. Audiozitat 36). Von der zusätzlichen Bearbeitung des Tones wurde hingegen aus Gründen der Authentizität abgesehen (vgl. Audiozitat 37).
Wie eingangs erwähnt, hatte Herrn Böhm von vornherein an eine größere Gruppe von Rezipient/innen gedacht. Die Videos wurden allerdings vor ihrer Zugänglichmachung für Dritte von ihm persönlich zumindest zwei Mal angesehen und kontrolliert. Danach wurden Kopien der Videos an Urlaubsfreund/innen postalisch versandt (vgl. Audiozitat 38).

In technischer Hinsicht war es Herrn Böhm wichtig, immer „am Puls der Zeit“ zu bleiben und mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Die Kamera sollten die meisten Einstellungen automatisch vornehmen, sodass keine lange Vorbereitungszeit für eine Aufnahme vonnöten war. Auf ein Stativ wurde verzichtet und aus der Hand gefilmt (vgl. Audiozitat 39). Zur zusätzlichen Dokumentation der Reise wurde stets ein Fotoapparat mitgeführt. Der Umstieg von der Produktion mit Super‑8-Film zur Videotechnologie fand auch in der Machart der Videos seinen Niederschlag. Mit dem Material wurde nun großzügiger umgegangen, um nachher mehr Bearbeitungsmöglichkeiten zu haben. (vgl. Audiozitat 40).

Der Archivierung der Videos wurde hohe Bedeutung zugemessen. Ähnlich dem Ablagesystem der Kamerafrau Veit, wurden die Bänder nummeriert. Darüber hinaus wurde für jede Kassette ein Inhaltsverzeichnis angelegt, in dem das Abgebildete, die Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten notiert und mit Zeitangaben versehen wurden (vgl. Audiozitat 41).

00:11:53 [00:01:17 bis 00:01:30]
Audiozitat 26

Bleibende Erinnerung an die Vergangenheit

00:11:53 [00:01:45 bis 00:02:05]
Audiozitat 27

Reisemotivation

00:11:53 [00:00:58 bis 00:01:13]
Audiozitat 28

lebendige Szenen

00:11:53 [00:00:30 bis 00:00:48]
Audiozitat 29

Urlaubserinnerungen schaffen

00:11:53 [00:02:35 bis 00:02:51]
Audiozitat 30

Gelungenes Reisevideo

00:11:53 [00:03:05 bis 00:03:25]
Audiozitat 31

Wo Bin ich? Was sehe ich?

00:11:53 [00:03:42 bis 00:03:55]
Audiozitat 32

keine Inszenierungen

00:11:53 [00:04:03 bis 00:04:14]
Audiozitat 33

wenig Kommentare

00:11:53 [00:04:35 bis 00:04:50]
Audiozitat 34

keine Selbstabbildungen

00:11:53 [00:04:20 bis 00:04:30]
Audiozitat 35

immer selbst gefilmt

00:11:53 [00:05:48 bis 00:06:02]
Audiozitat 36

Nachbearbeitungen

00:11:53 [00:06:10 bis 00:06:17]
Audiozitat 37

"Originalton ist Lokalkolorit"

00:11:53 [00:04:55 bis 00:05:17]
Audiozitat 38

Publikum

00:11:53 [00:07:40 bis 00:08:10]
Audiozitat 39

technische Ausrüstung

00:11:53 [00:10:38 bis 00:11:04]
Audiozitat 40

Unterschied Video- und Filmaufnahme

00:11:53 [00:00:58 bis 00:01:13]
Audiozitat 41

Dokumentation

Conclusio

Zusammenfand können eindeutige Parallelen, aber auch Unterschiede in der Herangehensweise der interviewten Reisevideogestalter/innen in Bezug auf deren Motive festgestellt werden:

  • In allen Fällen war das selbe Motiv ausschlaggebend: das Erleben und Erfahren des Neuen und keineswegs etwa die Entspannung oder die Sehnsucht nach Routine. Die Abbildung des Besonderen stand als verbindendes Element aller drei Befragten als zentrales Motiv für die Dokumentation der Reisen. Im Gegensatz dazu wurden den alltäglichen Abläufen keine filmische Bedeutung beigemessen. Aufnahmen des Heranwachsens der Kinder, von Tieren oder von Festen (Hochzeit, Taufe, Geburtstage etc.) wurden mit der Dokumentation des Alltags gleichgesetzt.
  • Die Spontanität der Aufnahme und die Verfügbarkeit der Kamera war – trotz aller Unterschiede in der Herangehensweise – deren wichtigste Eigenschaft. Es wurden dafür Abstriche im Setting der Aufnahme bzw. Schutzmaßnahmen für die Kamera gemacht. Zu wichtig erschien es, den eventuell entscheidenden Moment, das Besondere, zu verpassen.
  • Die Urheber/innen waren allesamt technikaffin und wollten mit den technischen Entwicklungen mithalten. Diese Neugierde an der Technik ist bis in die Gegenwart nicht abgeschlossen. Der Umstieg des Trägerformates und die Verfügbarkeit des selbigen bewirkten Unterschiede in der Herangehensweise der Filmenden. Als augenscheinlichstes Beispiel wurde die verfügbare längere Aufnahmedauer für einzelne Szenen und die bessere Verfügbarkeit der Videokassette gegenüber früheren Formaten herausgestrichen.
  • Die Kamera wurde äußerst selten und ungern aus der Hand gegeben. Begründet wurde dies durch das Misstrauen in die filmische Kompetenz der Umgebung. Dies war mit dem Anspruch an das Resultat der Aufnahmen – unabhängig vom Auditorium – nicht vereinbar. Der qualitative Anspruch an die Aufnahme übertraf die reine Lust am Filmen. Je nach dem möglichen Rezipientenkreis wurden die Aufnahmen mehr oder weniger nachbearbeitet.
  • Bei der Ablage des Videomaterials wurde ein selbstentwickeltes Ordnungssystem eingeführt. Dies wies zumeist zwei Komponenten auf: einerseits sollte die richtige Kassette schnell auffindbar sein und andererseits sollte es den Inhalt der Kassette beschrieben. Je nachdem, ob die Kassetten in der Regel öfters oder weniger oft gezeigt wurden, variierte die Differenziertheit im Ordnungssystem.

Die Herangehensweise der Urheber/innen unterschied sich zentral in der Frage der Rezipient/innen: Wer war das Zielpublikum und was war der Zweck der Aufnahmen? Die Frage, ob die Aufnahmen ausschließlich für den persönlichen Eigengebrauch getätigt oder für einen weiteren Kreis an Zuschauer/innen (Familie, Freund/innen etc.) gemacht wurden, entschied über viele Folgeentscheidungen während der weiteren Produktion. Diese zentrale Frage war verknüpft mit dem Anspruch an die aktive filmende Tätigkeit aber auch an die Nachbearbeitung sowie den Anspruch an die Professionalität des Endproduktes.

Allgemein können bei den hergestellten Reisevideos ansatzweise zwei Stilrichtungen unterschieden werden: Der deskriptive Stil und der atmosphärische Stil.
Videos im deskriptiven Stil versuchen, den Zuschauer/innen die Abläufe und das Gesehene zu erklären. Sie sind auf ein breiteres Publikum ausgelegt und ähneln in ihrem Ansatz professionellen Fernsehdokumentationen. Es wird verstärkt auf Stilmittel der Erklärung des Inhalts zurückgegriffen. Eine Bearbeitung des Videomaterials nach der Anfertigung ist meist gegeben. Die Schnittfolge ist schneller und die einzelnen Einstellungen in der Regel kürzer (Videobeispiele 22 und 23).

Im Gegensatz dazu können Videos im atmosphärischen Stil gesehen werden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei darauf, ein Gefühl zu transportieren. Es ist in der Regel von längeren Filmsequenzen auszugehen. Auf Kommentare oder Erklärungen wird in der Regel verzichten. Zielpublikum ist der/die Urheber/in selbst bzw. ein eher sehr enger Kreis an Rezipient/innen. Die Videos sind nicht selbsterklärend, auf eine Bearbeitung wird im allgemeinen verzichtet (Videobeispiel 24).

Weiterführende Literatur

  • Fröschl, Gabriele: „Private Sammler/innen“: Sammlungsstrategie und Sammlungsaufbau in Medienarchiven, in: Winter, Renèe, Waraschitz, Christina, Fröschl, Gabriele (Hg.): Aufnahme läuft, Private Videobestände – Öffentliche Archive?, Wien 2016
  • Grundei, Stephan: Mit der Kamera unterwegs, in: Winter, Renèe, Waraschitz, Christina, Fröschl, Gabriele (Hg.): Aufnahme läuft, Private Videobestände – Öffentliche Archive?, Wien 2016
  • Hubert, Rainer: Zur Verortung von Amateurvideos. Typologie audiovisueller Quellen, in: Winter, Renèe, Waraschitz, Christina, Fröschl, Gabriele (Hg.): Aufnahme läuft, Private Videobestände – Öffentliche Archive?, Wien 2016
  • Krisper, Bernhard: Das filmische Vermächtnis einer auslaufenden Generation. Der prädigitale private Amateurfilm in Theorie und Praxis, ungedr. phil. Dipl., Wien 2010.
  • Odin, Roger: Dokumentarischer Film – dokumentarisierende Lektüre, in: Blümlinger, Christa (Hg.): Sprung in den Spiegel, Wien 1990 125–146.
  • Sierek, Karl: Hier ist es schön – Sich sehen im Familienkino, in: Blümlinger, Christa (Hg.): Sprung in den Spiegel, Wien, 1990 147–167.
  • Schneider, Alexandra: Die Stars sind wir – Heimkino als filmische Praxis, Marburg 2004.
  • Schuhmacher, Herbert: Wo Fernsehen aufhört, fängt Video an, Darmstadt 1976.
  • Winter, Renèe: Von „Amateur_innen“, „Familie“ und „Home“. Zur Historizität von Film- und Videobegriffen, in: Winter, Renèe, Waraschitz, Christina, Fröschl, Gabriele (Hg.): Aufnahme läuft, Private Videobestände – Öffentliche Archive?, Wien 2016
  • Zingl, Stefanie: 9.000 Meter retrospektiv. Margret Veits Schmalfilmbiographie, ungedr. phil. Dipl., Wien 2015.

(Publiziert: 2017)